BFW Koblenz: sicherer Ort für die Schwächsten der Schwachen

Behindertenbeauftragte der Bundes- und Landesregierung besuchen 70 geflüchtete, teils schwerstbehinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus der Ukraine

19. Mai 2022 Gestern besuchten der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung Jürgen Dusel zusammen mit dem Landesbeauftragten für die Belange von Menschen mit Behinderungen der Landesregierung aus Rheinland-Pfalz, Matthias Rösch, das CJD Berufsförderungswerk (BFW) Koblenz. Dabei besichtigten sie zwei Wohngruppen und das ehemalige Gästehaus des BFW Koblenz, das inzwischen zu einem Kinderheim umfunktioniert worden ist. Seit diesem März leben im BFW Koblenz insgesamt 70 geflüchtete Menschen – darunter 36 schwerst- oder mehrfachbehinderte ukrainische Kinder, deren Betreuerinnen und deren eigene Kinder. Der Besuch bot auch die Gelegenheit für einen Erfahrungsaustausch mit den Betroffenen, allen bisher Beteiligten, dem Geschäftsführer des BFW Koblenz Heinz Werner Meurer und CJD Vorstandsmitglied Petra Densborn.

 

Dabei konnte vermittelt werden, dass das CJD in Koblenz mit der Unterstützung eines großen regionalen Netzwerkes als eine der ersten Einrichtungen direkt im März unter schwierigsten Bedingungen den Schwächsten der Schwachen geholfen und im BFW Koblenz einen sicheren Ort für Unterbringung und Versorgung gefunden hat und die Menschen dort betreut. Dazu Petra Densborn: "Die Gruppe der schwerstbehinderten Kinder braucht ein besonderes Setting und ist ein Pilotprojekt mit landesweiter und bundesweiter Bedeutung. Wir sind sehr froh, dass Herr Dusel und Herr Rösch ihre Unterstützung zugesagt haben. Dafür schon jetzt ein herzliches Dankeschön!" Denn für die Aufnahme und Betreuung der Kinder muss schnell ein Rechtskonstrukt geschaffen werden. „Wir haben aus der Situation, der Improvisation heraus den Status quo erreicht. Dank der Hilfe aller am Tisch Beteiligten. Jetzt muss es aber weitergehen. Die Betreuenden arbeiten gerade 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche mit den Schwerstbehinderten zusammen. Hier muss dringend Abhilfe geschaffen werden, denn irgendwann stoßen auch die Betreuungs- und Pflegekräfte an ihre Grenzen“, so Densborn.

 

Anfrage zur Aufnahme vom Bundespräsidialamt

 

In insgesamt vier Etappen hat das BFW Koblenz im Laufe des März 70 Geflüchtete aufgenommen. Den Anfang machte eine dreiköpfige Familie, gefolgt von zehn mehrheitlich behinderten Menschen - darunter Familien mit erblindeten und querschnittsgelähmten Elternteilen und bzw. oder mehrfach behinderten Kindern. Am 23. März dann konnten noch einmal insgesamt 55 Personen, davon 36 Kinder und Jugendliche, teils schwerstbehindert, aus einem Waisenhaus in Odessa ins BFW Koblenz übergeleitet werden. Die Aufnahme der schwerstbehinderten Kinder erfolgte nach einer Anfrage des Bundespräsidialamtes an CJD Vorständin Petra Densborn. Gemeinsam mit dem Sozial- und Innenministerium Rheinland-Pfalz, der Stadt Koblenz, der Berufsfeuerwehr Koblenz sowie der Stadt- und Kreisverbände des Deutschen Roten Kreuzes aus dem Raum Koblenz konnten die Menschen in Sicherheit gebracht und im BFW Koblenz untergebracht werden. 2 weitere Jugendliche konnten im April noch nachgeholt werden.

 

Viele der Kinder benötigten eine sofortige medizinische Versorgung. „Die umliegenden Krankenhäuser und Fachärzte aus dem Raum Koblenz und Neuwied haben hier seit März Großartiges geleistet in Zusammenarbeit mit der Kreisverwaltung Koblenz, der Verbandsgemeinde Vallendar, der Stelle für unabhängige Teilhabeberatung sowie dem Sanitätshaus Burbach + Goetz als erstem Ansprechpartner im Netzwerk einiger Sanitätshäuser“, betont Heinz Werner Meurer, Geschäftsführer des BFW Koblenz, die herausragend gute Zusammenarbeit und Unterstützung bei der Hilfe für die Schwächsten der Schwachen. „Dem Sanitätshaus Burbach + Goetz gilt ein besonderer Dank. Sie haben es geschafft, ganz schnell mit Hilfe von Spenden sechs Spezial-Kinderpflegebetten aufzustellen, die sofort für eine andere Beweglichkeit der Kinder, aber auch für eine große Entlastung bei den Betreuungs- und Pflegekräften gesorgt haben“, bedankt sich Meurer.

 

Behindertenbeauftrage unterstützen Integration

 

Zwei Monate nach Ankunft der Geflüchteten fand nun ein erster Erfahrungsaustausch mit den Betroffenen aus den Wohnhäusern, dem Kinderheim sowie allen Akteuren statt. Jürgen Dusel, Behindertenbeauftragter der Bundesregierung, war dafür aus Berlin angereist.

Fast alle Geflüchteten kommen aus direkt betroffenen Kriegsgebieten. Sie berichten, dass sie sich im BFW Koblenz sehr wohlfühlten und zur Ruhe kommen könnten. Die psychischen Belastungen der erlebten Kriegstage, die Flucht aber auch die Ängste und Sorgen um Zurückgebliebene können hier langsam verarbeitet werden. Gerade die schwerstbehinderten Kinder und Jugendlichen des Kinderheims können in der natürlichen Umgebung des BFWs Koblenz die traumatischen Erfahrungen des Krieges und der Flucht aufarbeiten.

 

Spezielle Rollstühle und Kinderbetten werden gebraucht

 

Die Erwachsenen in den beiden Wohngruppen suchen inzwischen nach einer sinnhaften Aufgabe und möchten einer Beschäftigung nachgehen. Sie empfanden es als bereichernd, konkrete Fragen an die Behindertenbeauftragten von Bund und des Landes Rheinland-Pfalz stellen und auf ihre Situation aufmerksam machen zu können. Drei Kinder aus den Wohngruppen sind bereits in den umliegenden Schulen integriert – mit teilweiser Unterstützung von Übersetzerinnen oder Übersetzern.

Nicht aus dem Blick verloren werden darf aber, dass bei sehr vielen Geflüchteten an erster Stelle noch diagnostische, ärztliche und therapeutische Maßnahmen bis hin zu Operationen anstehen. Diesen, aber auch organisatorischen und allgemeinen Fragestellungen stellten sich die beteiligten Institutionen in einer offenen Runde. Dabei ging es mitunter um Themen wie Medikationsumstellungen aufgrund von EU-Regelungen, darum, wie die schwerstbehinderten Kinder mit Rollstuhlspezialanfertigungen aus den Betten herausgeholt werden können, um eine weitere Mobilisierung und auch Abwechslung zu ermöglichen. Wie notwendige Untersuchungen, Behandlungen und Operationen durchgeführt werden können, bis hin zu dringend notwendigen prothetischen Versorgungen.

 

Sinnvolle Hilfe ist wichtig

 

Mathias Rösch, Landesbehindertenbeauftragter Rheinland-Pfalz: „Die Assistenzversorgung, Hilfsmittel und die ärztliche Rundum-Versorgung ist ganz wichtig und das Netzwerk, was ich hier erleben darf, ist großartig. Die nächsten konkreten Herausforderungen werden sein, wie wir die Hilfsmittel besorgen können, damit eine Tages- und pflegerische Gestaltung umgesetzt werden kann. Da gilt es natürlich auch, die Kostenübernahmen zu klären. Im Weiteren müssen wir im Blick behalten, dass die vorhandenen Netzwerke für Menschen mit Behinderung aktiviert werden, um die Rahmenbedingungen dauerhaft so zu gestalten, dass die Situation für alle Beteiligten stabil bleibt. Alle Geflüchteten brauchen eine Perspektive, denn wir alle wissen nicht, wie lange der Krieg dauert und wann eine Rückführung in die Ukraine aufgrund der Zerstörungen vor Ort überhaupt wieder möglich sein kann.“

 

Jürgen Dusel: „Wir haben gerade Krieg mitten in Europa. Überall wo Kriege herrschen, herrscht Leid. Deswegen sind wir alle in Deutschland gefragt, hier zu unterstützen. Mir war und ist wichtig, seit Kriegsbeginn direkt auf Hilferufe von Hilfsorganisationen zu reagieren, die mit vielfältigen Fragestellungen wie: „Wo müssen/können die Menschen untergebracht werden“, „Wie kann man sinnvoll helfen“, auch an mich herangetreten sind. Bund und Länder haben die große Aufgabe, schnell und klar zu definieren, wie die Zuständigkeiten geregelt sind. Denn ein gutes Matching zwischen Bedarfen und Angeboten ist immens wichtig, damit auch für geflüchtete Menschen mit Behinderungen passgenaue Hilfen schnell erfolgen können. Hier im Kreis hat man ganz unbürokratisch gemeinsam mit allen Verantwortlichen auf allen Ebenen zusammengearbeitet, um den schwerstbehinderten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen eine neue Heimat zu geben und die so wichtige medizinische Rundum-Versorgung zu sichern. Das finde ich großartig und möchte mein herzlichstes Dankeschön dafür aussprechen! Heute nach dem Erfahrungsaustausch mit allen Beteiligten möchte ich aber auch mitnehmen, was politisch im Weiteren zu tun ist, damit die kritischen Punkte aus dem Weg geräumt werden.“

 

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